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AEC London Series

EINE HOMMAGE

Die Geschichte der britischsten aller Tonabnehmer in fünf Kapiteln

Jeder, der sich ernsthaft mit dem Thema analoge Wiedergabe beschäftigt, hat mindestens eine der legendären Aufnahmen der Decca Records Company in seinem Plattenregal stehen, sei es aus der monophonen LXT- oder aus der stereophonen SXL-Serie. Völlig unbestritten ist, dass einige der besten Aufnahmen aller Zeiten auf dieses Plattenlabel zurückgehen. Als Beispiel sei nur an die erste vollständige Einspielung des Ring des Nibelungen genannt, die es seinerzeit dank sensationeller Verkaufszahlen sogar bis in die Pop-Charts schaffte. Weniger bekannt ist hingegen, dass „die Decca“ auch jahrzehntelang maßgeblich in der Weiterentwicklung der analogen Wiedergabegeräte involviert war – und dass viele von den damals gewonnen Ergebnissen dieser grundlegenden Forschungsarbeiten auch heute noch profitieren. Gleichwohl ist die Geschichte der Decca Special Products und ihrer Tonabnehmer nicht nur ein Beleg des technischen Fortschritts, sondern wohl auch ein typisches Beispiel für den Aufstieg und Niedergang europäischer HiFi-Hersteller – allerdings mit einem Happy End.


1. Kapitel
Wirtschaftskrimi

Die Decca Record Company entstand keineswegs aus dem Nichts. Ihr direkter Vorläufer war Barnett Samuel & Sons, eine seit 1832 etablierte, renommierte und überaus erfolgreiche Firma, die sich vor allem mit der Herstellung und dem Vertrieb von Musikinstrumenten befasste. Der Verkaufsknüller war aber ein 1914 patentiertes tragbares Grammophon, das sogar unter ungünstigsten Bedingungen – zum Beispiel in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs – funktionierte. Für dessen Vertrieb etablierte Barnett Samuel & Sons eigens eine neue Marke: das Decca Dulcephone. Der Name „Dulcephone“ ist ein lateinisch-griechisch inspiriertes Kunstwort und darf wohl mit „lieblicher Klang“ übersetzt werden.

Was aber bedeutet „Decca“? – Der Legende nach war Wilfred S. Samuel, einer der Söhne des alten Barnett, ein begeisterter Linguist und dachte sich das Wort in Anlehnung an „Mecca“ als Allegorie auf einen paradiesischen Ort aus, das in jeder Sprache leicht auszusprechen war und gleichzeitig ein „D“ wie in „Dulcephone“ im Initial führte. Denkbar ist auch, dass das wichtigste Herkunftsland für Schellack – das Dekkan-Hochplateau in Indien, engl. „Deccan“ – bei der Namensfindung eine Rolle spielte.

Wegen des enormen Verkaufserfolgs des Dulcephons wurde die Firma in „The Decca Gramophone Company“ umbenannt und ein Gang an die Londoner Börse möglich. An diesem Schritt maßgeblich beteiligt war der Banker und Aktienhändler Sir Edward Robert Lewis. Obwohl die Aktien gleich zu Beginn zwanzigfach überzeichnet waren, beurteilte Lewis die mittlere bis langfristige Zukunft einer Firma, die sich ausschließlich mit der Herstellung von Wiedergabegeräten befasst, als nicht besonders günstig. Er riet deshalb mit Nachdruck dazu, auch in die Herstellung von Schellack-Platten einzusteigen und deshalb die wirtschaftlich angeschlagene und in New Malden (in der Nähe von London) ansässige Duophone Record Company aufzukaufen. Sein Argument damals war, dass kein Hersteller von Rasierapparaten lange überleben könne, wenn er nicht auch die dazugehörigen Klingen produzieren würde.

Allerdings unterstützte der Aufsichtsrat der Decca Gramophone Company dieses Ansinnen nicht, was Edward Lewis wiederum nicht davon abbrachte, die Duophone selbst zu übernehmen. Und nicht nur das: Zusammen mit finanzstarken Partnern bildete er ein Syndikat, das 1929, noch vor dem Börsen-Crash, gleichzeitig auch die Decca Grammophone aufkaufte. Die Entstehung der Decca ging also auf eine astreine feindliche Übernahme zurück, mit der Lewis sein Ziel erreichte, eine gesunde Firma auf zwei Standbeine zu stellen: die Decca Gramophone Company und die Decca Record Company.

Gleichwohl litt auch die neue Firma unter den Folgen der 1929 einsetzenden Weltwirtschaftskrise. Zudem musste sie sich ab 1931 gegen die EMI (Electric and Musical Industries Ltd) behaupten, ein Zusammenschluss aus UK Columbia Records und der Gramophone Company/HMV. Wie schwer die wirtschaftlichen Probleme waren, mit denen man damals zu kämpfen hatte, mag man daran festmachen, dass ab 1939 tatsächlich nur noch zwei britische Plattenlabels existierten: die (größere) EMI und eben die Decca.

Obwohl Edward Lewis seit Firmengründung nur einfaches Mitglied des Aufsichtsrats war, so hatte er doch maßgeblichen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung der Firma. Aber nicht nur seine finanzielle Umsicht ermöglichte dem Unternehmen das Überleben, sondern auch und in besonderem Maße seine technische Weitsicht. Ein markantes Beispiel dafür ist, dass Lewis sofort das Potenzial der 1931 von der RCA vorgestellten Vinyl-Schallplatte erkannte, als die EMI noch an eine langfristige Zukunft der Schellackplatte glaubte.

Erst 1957 wurde der mittlerweile zum Sir ernannte Edward Lewis Aufsichtsratsvorsitzender und lenkte in dieser Funktion bis kurz vor seinem Tode im Jahr 1980 die Geschicke der Decca. Er hielt den Konzern allen Widrigkeiten zum Trotz zusammen. Sein Gespür bei der Auswahl geeigneter Mitarbeiter für verantwortliche Positionen sollte sich als ausgesprochen günstig für den anhaltenden Erfolg der Decca erweisen. Besonders erwähnenswert sind hier der Musikproduzent John Culshaw und der Tonmeister Kenneth Wilkinson, die für zahlreiche epochale Aufnahmen verantwortlich zeichnen und maßgeblichen Anteil an bis dahin unbekannten Verkaufszahlen hatten. Aber auch für die Weiterentwicklung der technischen Seite der Musikwiedergabe setzte Lewis mit dem Technischen Direktor Arthur Haddy keinesfalls irgendwen in verantwortliche Position. Spätere Generationen sollten dem begnadeten Ingenieur in Anerkennung seiner Leistungen den Beinamen „The Godfather Of High Fidelity“ geben, so grundlegend waren seine Arbeiten und die seiner Mitarbeiter. Und mit Arthur Haddy beginnt die eigentliche Geschichte der Decca Special Products.

2. Kapitel
Kriegsgeschichte

Es mag auf den ersten Blick überraschend erscheinen, dass eine Firma wie die Decca entscheidenden Anteil an technischen Entwicklungen hatte, die im Laufe des Zweiten Weltkrieges erstmalig zum Einsatz kamen. Doch in der Tat ist die Leistung der britischen Ingenieure nicht zu unterschätzen. Ihre technischen Kenntnisse flossen sowohl in der Entwicklung des Radars als auch in der Konstruktion des Decca Navigator ein. Dieser war, wenn man so will, eine Art Vorläufer vom heutigen Global Position System (GPS), ermöglichte die Navigation über die Weltmeere in bis dato nie gekannter Präzision und machte so erst das exakte Timing der Landung der Alliierten in der Normandie technisch möglich. Übrigens: Die zum Decca Navigator gehörigen Funknetze wurden weltweit aufgebaut und erst im Jahre 2000 endgültig stillgelegt.

Für den Musikfreund interessanter dürfte allerdings der Inhalt eines weiteren streng geheimen Auftrags sein, mit dem das RAF Marine Command an die Decca herantrat. Man plagte sich dort mit dem Problem herum, dass die Sonartechniker, die anhand der unterschiedlichen Sonarechos und Maschinengeräusche unter Wasser die verschiedenen U-Boottypen auseinanderhalten sollten, erstens nur durch Learning by Doing ausgebildet werden konnten und, zweitens, dass sich bestimmte deutsche U-Boote „klanglich“ kaum von einigen britischen U-Booten unterscheiden ließen. Eine Schulung der Marine-Techniker an Land war also dringend geboten, bevor es im Ernstfall zu fatalen Verwechslungen kommen konnte.

Benötigt wurde ein System, das in der Lage war, die subtilen akustischen Unterschiede nicht nur aufzunehmen, sondern auch wiederzugeben. Für diese Anforderungen musste der Frequenzbereich der kompletten Übertragungskette drastisch erweitert werden, von 80 Hertz bis zu 15 Kilohertz nach oben hin – eine damals schier unlösbar erscheinende Aufgabe, die nur durch einen immensen Kraftakt der beteiligten Ingenieure und unter Verwendung beträchtlicher Geldmittel zu bewerkstelligen war. Arthur Haddy trug persönlich mit einem entsprechend breitbandigen Mikrofon – dem FR-1 – zum Gesamtsystem bei, das er „full frequency range recording“ (ffrr) nannte und später zu einem Synonym hochwertiger Musikwiedergabe werden sollte. Das erste sicht- und hörbare Ergebnis dieser Bemühungen war im Jahr 1944 eine ffrr-taugliche Schellackplatte, die nicht nur den geforderten Frequenzbereich, sondern auch einen Rauschabstand von 60 dB aufwies. Wohlgemerkt:
mit Schellack! Erst 1951 folgte die erste ffrr-Vinyl-LP.

Es verwundert nicht, dass Edward Lewis seinen Technischen Direktor dazu ermunterte, die neuen Errungenschaften für friedlichere Zwecke weiterzuentwickeln, denn im Grunde genommen war ja alles Nötige im Hause Decca vorhanden. Die Company besaß nicht nur das technische Wissen und ffrr-taugliche Geräte wie Mikrofone und Schneidstichel für Platten, sondern eben auch ein Plattenlabel mit hochkarätigen Stars, das hochqualitative Aufnahmen produzieren und unters Volk bringen konnte. Das versprach ein einträgliches Geschäft zu werden.

Allerdings musste jetzt noch der Konsument zu Hause mit entsprechenden Gerätschaften ausgestattet werden, um die Vorzüge der neuen Technik in vollem Umfang erleben zu können. Einstige Verkaufsschlager, Grammophone wie das Decca Dulcephone etwa, waren ein für alle Mal überholt. Daher baute von nun an die „Decca Special Products“ genannte Abteilung Wiedergabegeräte für den solventen Kunden. Denn billig war damals, in den Anfangstagen der High Fidelity, als von einer Massenproduktion noch nicht einmal ansatzweise die Rede sein konnte, gar nichts. Beliebt waren vielmehr aufwendige Klangmöbel wie das sogenannte Decola, die Plattenspieler (vornehmlich noch für Schellackscheiben), Radioempfänger, Verstärker und Lautsprecher in einem Sideboard-ähnlichen Gehäuse vereinten. Bemerkenswert ist auch der berühmte Decca Ribbon Tweeter, der nicht nur von britischen Lautsprecherherstellern verwendet und bis weit in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts gebaut wurde. Und muss man wirklich den teilweise auch heute noch verwendeten Decca Tree – eine spezielle Aufstellung von Mikrofonen für Stereoaufnahmen – erwähnen? Selbst einige nützliche Accessoires, wie die erste Carbonbürste zur Plattenreinigung, gehen auf Decca Special Products zurück. Allerdings muss man fairerweise auch konstatieren, dass etliche der damaligen Errungenschaften heute nur noch in Museen oder in den Sammlungen begeisterter Vintage-Liebhaber vor sich hin stauben und fast ausschließlich von historischem Interesse sind. Mit einer Ausnahme: die legendären Decca-Tonabnehmer!

3. Kapitel
Positive Scanning

Als sich gegen Ende der 1940er Jahre die Vinylschallplatte durchsetzte und ab 1951 auch für private Musikliebhaber verfügbar wurde, begann ein reges Treiben unter den Ingenieuren. Um die Auslenkungen der Mikrorille in elektrischen Strom umzuwandeln, wurden unfassbar viele und verschiedenartige Ideen umgesetzt. Die Grundaufbauten von Moving-Coil-, Moving-Magnet- und Moving-Iron-Tonabnehmern, wie wir sie auch heute noch in MC-, MM- und MI-Systemen antreffen, wurden damals erfunden.

Die Decca-Techniker Cowie und Bayliff (ihre Vornamen scheinen dem Vergessen anheimgefallen zu sein) entschieden sich damals für eine einzigartige Variante des Moving-Iron-Prinzips, die bis heute verwendet wird. Cowie und Bayliff waren zu dem Schluss gekommen, dass der Abstand zwischen dem Abtaststift und dem Generator so klein wie nur irgend möglich ausfallen sollte, weil es sonst zu unvermeidlichen mechanischen Verlusten kommen würde. Gleichzeitig war ihnen damals schon bewusst, dass die bewegte Masse bis auf ein herstellungstechnisch unabdingbares Minimum reduziert werden musste, damit der Diamant ohne Trägheitseffekte den wahnwitzigen Beschleunigungen auch würde folgen können. Die dazu notwendigen theoretischen Arbeiten wurden von John Walton, einem weiteren technischen Mitarbeiter der Decca, in verschiedenen Fachzeitschriften publiziert.

Der grundlegende Aufbau eines Decca-Tonabnehmers sieht nun wie folgt aus: Der Diamant steckt auf dem kürzeren Ende eines L-förmig gebogenen Streifens aus Weicheisen, der senkrecht durch eine Spule geführt wird. Der längere Schenkel macht oberhalb der Spule einen Knick nach hinten und wird im Inneren des Systemkörpers befestigt und teilweise bedämpft. Links und rechts von der Spule sitzen zwei Magnete, deren Magnetfelder über Polschuhe dicht an die Spule herangeführt werden. Damit der Diamant mittig zur Spule ausgerichtet bleibt, verhindert ein Spannfaden, der mit dem Nadelträger und dem Gehäuse fest verbunden ist, dass der Diamant mit der Rille in Richtung der Drehbewegung der Schallplatte mitgerissen wird. Der bis hierher skizzierte Aufbau ist allerdings nur in der Lage, laterale (horizontale) Bewegungen in elektrische Signale umzuwandeln: ein lupenreines System für Mono und die Seitenschrift.

Um diesen Generator für die ab 1958 verfügbaren Stereoaufnahmen kompatibel zu machen, wurden zwei weitere Spulen eingebaut, die sich oberhalb des Knicks des L-förmigen Blechs befinden und zwischen denen ein weiterer Magnet sitzt. Durch diese Spulen gehen jeweils zylinderförmige Polschuhe, die zum Nadelträger führen. Wird der Nadelträger nun bewegt, sorgt er für eine Änderung des magnetischen Flusses, die wiederum einen Strom in den Spulen induziert. Die beiden oberen Spulen können allerdings nur vertikale Bewegungen – also die reine Tiefenschrift – in Musiksignale umsetzen. Da aber in Stereoplatten
der linke und rechte Kanal (L und R) um 45° zu der lateralen und vertikalen Bewegungsrichtung versetzt sind, bedienten sich die Decca-Ingenieure eines besonderen Kniffs: Die insgesamt drei Spulen eines Decca-Stereo-Tonabnehmers sind Y-förmig miteinander verschaltet. Da die untere, für die reine Seitenschrift zuständige Spule ein sogenanntes „L+R-“ liefert, die beiden oberen Spulen aber jeweils ein „L–R-Signal“, entsteht durch Addition und Subtraktion ein reines L- und ein reines R-Signal bei nur einem Massepunkt. Das heißt, ein Decca-System tastet nicht den linken und rechten Kanal einer Aufnahme direkt ab, sondern erzeugt die beiden Kanäle erst im Inneren des Tonabnehmers. Diese Art der Abtastung nannten die Decca-Ingenieure „positive scanning“.

Mit diesem Aufbau hatten die Decca-Techniker ihre Ziele – ultrakurzer Nadelträger und geringe bewegte Masse – zwar erreicht, dennoch hat diese Konstruktion auch ihre Tücken. Da wäre zum einen der sehr komplexe Aufbau aus drei Magneten und drei Spulen, vor allem aber die knifflige Befestigung des L-förmigen Blechs. Hinzu kommt, dass ein L-förmig gebogenes Blech naturgemäß nicht in alle Richtungen gleich biegsam ist, wie jeder anhand eines geknickten Pappstreifens nachvollziehen kann. Daraus wiederum resultiert eine unterschiedliche Nadelnachgiebigkeit, mit der nicht jeder Tonarm zurechtkommt.

Letzteres hat man ursprünglich keineswegs als schwerwiegendes Problem betrachtet, wurden in den späten 1950er und 1960er Jahren Tonabnehmer und Tonarm doch als eine Einheit angesehen. Also wurde selbstverständlich auch ein passender Tonarm – manchmal als „Decca Professional“, manchmal als „London ffss Pick Up“ bezeichnet – angeboten. Nur mit diesem Arm ließen sich anfangs die Tondosen à la Decca mit ihrer eigenen Befestigung – sie wurden auf die Anschlüsse des Tonarms aufgeschoben – überhaupt erst betreiben. Ein Abbild dieser Kombination findet sich übrigens auf der Rückseite fast jeder Decca-SXL-Schallplatte aus jenen Zeiten. Erst später kam noch ein Adapter hinzu, der es ermöglichte, die Decca-Tondosen auch an Tonarmen mit Bajonett-Anschluss (wie den SME 3009) zu betreiben. Der Vollständigkeit halber sei noch angemerkt, dass von dieser ursprünglichen Decca-Tondose drei unterschiedliche Varianten produziert wurden: Mark I war ein reines Monosystem, Mark II und das spätere Mark III waren stereofon ausgelegt; die Mark-III-Version besaß zudem einen elliptischen Diamanten. Und wegen der sich allmählich durchsetzenden Stereofonie wurden die vier charismatischen Buchstaben „ffrr“ in „ffss“ umgewandelt – „full frequency stereo sound“.

4. Kapitel
Fortschritt und Niedergang

Ende der sechziger Jahre lichtete sich ein wenig das Chaos, das durch das anfängliche Fehlen verbindlicher technischer Normen bei Plattenspielern entstanden war: Die Halbzollbefestigung setzte sich durch, und so sah sich auch Decca Special Products genötigt, ihre Tonabnehmer für einen breiteren Markt umzubauen, um nicht ins Hintertreffen geraten. Aus diesem Grund wurde 1965 die Mark-IV-Baureihe eingeführt. Gleichzeitig wurde aber auch die Technik noch etwas verfeinert. Die Untersuchungen von John Walton und anderen ergaben, dass sich eine hohe Auflagekraft zweifellos ungünstig auf den Platten- und Nadelverschleiß auswirkt. Ebenfalls fand erstmals die bewegte Masse von Diamant und Nadelträger eine wissenschaftliche Beachtung, und auch hier versprach eine weitere Reduzierung klangliche Vorteile. Und weil nach wie vor Tonarm und Tonabnehmer als eine eigentlich unzertrennliche Einheit angesehen wurden, musste natürlich auch ein neuer Tonarm konstruiert werden.

Der alte, kardanisch gelagerte „London ffss Pick Up Tone Arm“ wurde von dem einpunktgelagerten „International Pick Up“ abgelöst, der mit einer Reihe konstruktiver Besonderheiten aufwarten konnte. Dazu gehörte vor allem die magnetische Dämpfung, die den Tonarm vom Laufwerk entkoppelte, die äußerst feinfühlig einzustellende Auflagekraft und die magnetische Antiskating-Einrichtung. Das Lagergehäuse beinhaltete auch eine Dosenlibelle, die das Einstellen von Azimut und VTA zu einem Kinderspiel machte. Keine Frage: Wie auch schon ihre Vorgänger waren die aktuellen Decca-Systeme und der dazugehörige Tonarm High-End-Equipment reinsten Wassers; sie gehörten ganz klar zu den Spitzenklasse-Produkten ihrer Zeit.

Die nächste Entwicklungsstufe, die ein paar Jahre später keineswegs nur von Decca in Angriff genommen wurde, beruhte auf der Erkenntnis, dass schwere Tonarme für den Abtastprozess keineswegs von Vorteil sind. Aufgrund der trägen Masse fällt es solchen Konstrukten schwer, welligen Platten zu folgen, sie erzeugen deshalb Intermodulationsverzerrungen. Der technische Trend ging eindeutig in Richtung leichter oder gar ultraleichter Tonarme und Tonabnehmer. Daher mussten sich die Decca-Ingenieure von der schweren Mark-IV-Baureihe genauso verabschieden wie vom passenden Tonarm.

Überhaupt alles sollte leichter werden – und so erschien 1974 mit dem Decca Blue das erste Mal das auch heute noch charakteristische fünfeckige Blechgehäuse der Mark-V-Serie. Wie auch schon bei seinen Vorgängern gab es neben der normalen Serie eine selektierte Version für den Export, dessen Gehäuse zur besseren Unterscheidung grau lackiert war und folgerichtig „Decca Grey“ hieß. Beide Versionen kamen von Haus aus mit einer sphärischen Nadel und einer ungewöhnlich hohen Ausgangsspannung von 7,5 mV bei einer Schnelle von 5 cm/s. Derlei Output konnte so manche Phonostufe auch schon mal übersteuern.
Diese Eigenschaft dürfte wohl auch der Hauptgrund dafür gewesen sein, dass Decca bereits zwei Jahre später leisere, quasi zahmere Nachfolger präsentierte: das „Maroon“ mit einem sphärischen und das „Gold“ mit einem elliptischen Diamanten. Erst 1985 griff man die Entwicklung der Line-Contact-Schliffe auf und bot dem Kunden mit dem Super Gold einen Van-den-Hul-I-Diamanten an, auf ausdrücklichen Kundenwunsch lieferte man sogar Tonabnehmer mit Van-den-Hul-II-Schliff. Für das damalige Spitzensystem wurde auch die Gehäuseform leicht verändert und vor allem an der Spitze abgerundet.

Besonders raffiniert bei allen Systemen der Mark-V-Baureihe war die Tonarmbefestigung, die aus einer roten Klammer mit Halbzollbohrungen („Bracket“) bestand, auf welche die eigentlichen Tondosen von unten aufgeschoben wurden. Das ermöglichte binnen Sekunden einen Systemwechsel – zum Beispiel um vom Mono- auf das Stereosystem zu wechseln. Nebenbei konnte man die klanglichen Auswirkungen unterschiedlicher Nadelschliffe ganz leicht heraushören. Wer das jemals gemacht hat, hat wahrscheinlich sofort die Vorteile der moderneren Nadelschliffe erkannt.

Leider änderte auch diese Evolutionsstufe wenig an der Tatsache, dass die fünfeckigen „Blechschachteln“, wie ihre Fans sie auch heute noch liebevoll nennen, alles andere als problemlose Tonabnehmer waren. Bedingt durch den Preisdruck, den vor allem japanische HiFi-Hersteller in jener Zeit ausübten – HiFi-Geräte waren inzwischen zu Massenprodukten geworden – war auch Decca Special Products gezwungen, preisgünstiger zu produzieren. Die Blechgehäuse der Mark-V-Serie waren dafür ein deutliches äußeres Indiz. Ebenfalls vereinfacht wurde der Einpunkttonarm, für den nun deutlich mehr Kunststoffbauteile verwendet wurden – unter anderem in der mit einer Dosenlibelle ausgestatteten Headshell.

Die leichten, mitunter etwas klapprigen Blechgehäuse und das nahezu ungedämpfte Innenleben sorgten allerdings nicht nur dafür, dass die Systeme atemberaubend lebendig klangen – mit der mechanischen Energie kam nicht unbedingt jeder Tonarm gut zurecht. Hinzu kommt, auch das lässt sich leider nicht wegdiskutieren, dass die Fertigungsqualität der Deccas Mitte der siebziger bis Ende der achtziger Jahre alles andere als konstant war.

Dennoch haben nicht wenige prominente Szenegrößen das nach wie vor vorhandene enorme Potenzial dieses mittlerweile gut dreißig Jahren alten Generatorprinzips erkannt und sich unermüdlich daran gemacht, ihm die Tücken auszutreiben. Dazu gehören beispielsweise die mittlerweile verstorbenen Entwickler Michael Moore – er konstruierte die heute nahezu vergessenen Source-Laufwerke und Odyssee-Tonarme – und auch George Hadcock, dessen bekannter Einpunkttonarm eine Bedienungsanleitung besaß, worin die Deccas sogar explizit gezeigt werden. Aber auch die Spezialisten von GB Tools – Konstrukteure solch legendärer Tonarme wie der Zeta und der Mission Mechanic – haben sich um einen verbesserten Betrieb der Decca-Systeme verdient gemacht. Sie entwickelten nicht nur die oben genannten Tonarme mit ihnen, sondern bauten auch eine Klammer, die das resonierende Gehäuse beruhigen sollte. Last but not least sind in diesem Zusammenhang auch die australischen Garrott Brothers zu erwähnen, die sowohl mit Modifikationen am Innenleben als auch mit anderen Nadelschliffen experimentiert haben. An Unterstützern hat es also wahrlich nicht gefehlt.

Doch das Ende war bereits besiegelt. Denn Decca Records und, quasi stellvertretend, Sir Edward Lewis hatten in den siebziger Jahren geschäftlich keine allzu glückliche Hand mehr. Bereits 1970 hatten die Rolling Stones das Decca-Label verlassen, und in den Folgejahren gelang es seiner Firma kaum noch, verkaufsträchtige Stars unter Vertrag zu bekommen. Schon wenige Tage nach Lewis’ Tod im Januar 1980 wurde das Plattenlabel an PolyGram verkauft, die sich einst – Ironie der Geschichte – aus dem holländischen Ableger der Decca entwickelt hatte. Bereits 1979 hatte Racal Electronics, ein großer britischer Elektronikhersteller, den Decca Navigator und Decca Radar aufgekauft; ein Jahr später folgte der Rest, darunter eben auch die Decca Special Products mit ihren Tonarmen und Tonabnehmern. Sinkende Verkaufszahlen, unter anderem wegen der 1983 eingeführten CD, veranlassten Racal dazu, 1989 diese Sparte zu schließen und den Produktnamen Decca im Zusammenhang mit Unterhaltungselektronik an den taiwanesischen Konzern Tatung, einen der weltgrößten Elektronikhersteller, zu verkaufen. Letzten Endes ist es Deccas HiFi-Sparte also ähnlich ergangen wie anderen europäischen Herstellern auch. Einstmals renommierte, innovative Firmen wie Telefunken, Grundig, Dual und viele, viele andere konnten dem (Preis-)Druck des Weltmarktes nicht standhalten, gingen schließlich unter oder mutierten zu reinen Markennamen ohne historischen Bezug zum ursprünglichen Unternehmen und zum Know-how, das einst dahinter stand.

5. Kapitel
Neuer Glanz

Glücklicherweise gibt es im Falle der Decca Special Products einen wesentlichen Unterschied zu fast allen anderen verblassten Marken der High Fidelity: Der ehemalige Mitarbeiter und Ingenieur John Wright erkannte, dass man mit den Verkaufszahlen der Decca-Tonabnehmer zwar keinen Vorstandsvorsitzenden eines Großkonzerns mehr beeindrucken, sehr wohl aber als Kleinserienhersteller mit einem Nischenprodukt sein Auskommen finden konnte.

Der Ex-Decca-Mann gründete seine eigene Firma J. Wright Audio Services und erhielt von Racal Electronics die Lizenz, die einstmals berühmten Tonabnehmer weiterhin zu fertigen. Brian Smith von Presence Audio bekam zudem die Erlaubnis, die Systeme weltweit zu vermarkten und den Service zu koordinieren. Allerdings mussten sie dabei auf die Verwendung des prestigeträchtigen Namens Decca verzichten und verwenden deshalb den Produktnamen London. Das ist übrigens gar nicht so abwegig, wurde doch schon früher das Label London sowohl für Schallplatten als auch für HiFi-Produkte (z. B. London ffss Pick Up Tone Arm) verwendet. Doch Namensrechte hin oder her, so richtig konnte sich der Markenname London bisher nicht durchsetzen; die Fans sprechen selbstverständlich weiterhin von ihren „Deccas“.

John Wright sorgte aber nicht nur dafür, dass die bekannten Modelle einfach weiter gebaut wurden. Einmal ganz abgesehen davon, dass er für eine deutlich verbesserte Serienkonstanz sorgte, setzte er auch rasch Ideen um, um sowohl deren Klangqualität als auch Alltagstauglichkeit zu verbessern. Ab 1990 bot man mit dem Decapod (man beachte: nur ein „c“!) eine von Martin Bastin konstruierte Befestigung an, die das Blechgehäuse nicht nur beruhigte, sondern auch eine vereinfachte Montage im Tonarm erlaubte. Allerdings entfiel hierdurch die praktische Möglichkeit eines schnellen Systemwechsels – was John Wright wiederum nicht ruhen ließ.

Wie wäre es denn, wenn man ein ultrastabiles Gehäuse, idealerweise aus dem Vollen gefräst, verwendete? – Aus diesem Grundgedanken entstand das erste, seit Mitte der 1970er Jahre neu konstruierte Decca-System: das London Jubilee. Im Inneren besteht es aus einem Decca Super Gold, für das nunmehr kein Van-den-Hul-Schliff, sondern ein Extended Line Contact verwendet wurde. Leider – und auch das ist typisch für die Entwicklung, die im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts in der Analogszene stattgefunden hat – liegt der Preis aufgrund geringer Stückzahlen und der Fertigung von Hand auch deutlich über dem des Super Gold.

Mit dem Erscheinen des Jubilee sah es lange Zeit so aus, als wäre die Geschichte der Decca-Tonabnehmer auf ihrem Zenit angekommen. Doch nochmals zwölf Jahre später, 2004, wurde das London Reference Cartridge vorgestellt: mit einem neuen, leichteren Gehäuse, einem leichteren Nadelträger und einem, so London Special Products, exklusiv für dieses System hergestellten Schliff namens „Ultra Low Mass Fine Line“. Mit dem London Reference wurde ein Tonabnehmer geschaffen, der zum einen direkt an einen MM-Eingang angeschlossen werden kann, zum anderen keinerlei Vergleich auch mit den edelsten Moving-Coil-Systemen zu scheuen braucht. Der aktuell letzte Coup wurde übrigens „Professional“ getauft: ein System klassischer Decca-Bauweise, das sogar zum Scratchen geeignet ist, da es zwei Spannfäden (vorne und hinten) besitzt.

So bleibt nur noch anzumerken, dass die Decca-Systeme in Deutschland von Audio Int’l, Frankfurt, unter dem Produktnamen AEC importiert werden und die klassischen „Blechschachtel“-Modelle als selektierte Versionen mit einer abweichenden Farbgebung erhältlich sind. Das Grundmodell mit einem sphärischen Schliff heißt hierzulande C-91 Black (siehe auch: hifi tunes – Das Analogbuch), das C-91E Silver hat einen elliptischen und das C-91SG Copper einen Extended-Line-Contact-Schliff. Doch ob nun London oder AEC, Black oder Reference, Mono oder Stereo: Mit ihnen lassen sich, über 80 Jahre nach Gründung der Decca, die legendären analogen Aufnahmen aus der Glanzzeit der Vinyl-Ära in überragender Dynamik und Detailtreue immer wieder neu erleben – ganz im Geiste und der Tradition der einstigen Decca-Granden Lewis, Culshaw, Wilkinson, Haddy, Walton, Bayliff und Cowie.

Dr. Uwe Heckers